Rede von Robert Misik zur Eröffnung der KriLit 2011

Quelle: misik.at

Dass der Österreichische Gewerkschaftsbund eine kritische Literaturmesse veranstaltet, ist überraschend und gar nicht so überraschend zugleich.

Überraschend einfach deshalb: Es hat sie ja vor wenigen Jahren nicht gegeben und man würde sich denken, dass eine Literaturmesse zu veranstalten nicht zum Kerngeschäft einer Gewerkschaft gehört.

Gar nicht so sehr überraschend ist es natürlich auch deshalb, weil Bildung seit jeher eine zentrale Forderung der Arbeiterbewegung war.

Zu den ersten Organisationen der Arbeiterbewegung gehörten die „Arbeiterbildungsvereine“. Sie waren es, die ein regelrechtes Pathos der Bildung entwickelten: Wissen ist Macht! Die Parole klingt bis heute nach. Bildet Euch, Arbeiter, damit ihr gerüstet seid für den Aufbau einer besseren Gesellschaft. Aber auch Bildung als Aufklärung: Damit man Euch kein X für ein U vormachen kann. Damit man Euch nicht ideologisch verdummt. Damals die Kirche. Heute die Kronen-Zeitung. Nunja, da gibt’s ja jetzt eine neue Strategie, Inserate für die Krone und für Heute, eine neue Strategie im Kampf um die Hegemonie. Nicht sonderlich erfolgsträchtig.
Aber kommen wir zurück. Dieser Bildungspathos wirkte ja weit in das vergangene Jahrhundert hinein. Es waren für mich immer bewegende Augenblicke als junger Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“ Ende der achtziger Jahre, wenn man da dann älteren Männern und Frauen begegnet ist, die gesagt haben, ah, Arbeiter-Zeitung, mit der Arbeiter-Zeitung hab ich lesen gelernt in den zwanziger Jahren.

Und später, als man das mit der ganz anderen Gesellschaft ein bisschen ad acta gelegt hatte und eher dazu übergegangen war, durch viele größere und kleinere Schritte die existierende Gesellschaft zu einer besseren, faireren, gleicheren Gesellschaft zu machen, da blieb Bildung zwar auch ein hoher Wert, einer, der mit viel Pathos hochgehalten wurde, aber welche Rolle genau sollte Bildung denn in diesem Konzept spielen?

Einerseits, Bildung für alle, damit alle auf einen höheren Bildungsgrad gehoben werden, damit alle ein besseres Leben führen können, damit alle aus ihrem Leben etwas machen und ihre Talente entwickeln können. Bildung als Konzept eines kollektiven Aufstiegs unterprivilegierter Schichten und Klassen.

Andererseits, in der realen Welt, in der Welt der realen Arbeitermilieus: Bildung als Aufstieg. Als individueller Aufstieg. Der Facharbeiter, der etwas gelernt hatte und noch mehr lernen wollte um seinen individuellen Aufstieg im Betrieb zu machen. So die kleinen Schritte, ein, zwei, drei Sprossen hoch auf die soziale Leiter. Und über die Generationen hinweg waren es dann auch diese Milieus von Facharbeitern und einfachen Angestellten dann schon, die ihrem Nachwuchs gesagt haben: Lern was, Kind. Damit du es einmal besser hast. Auch hier erkennen wir einen Pathos der Bildung, ein regelrechtes Bildungsversprechen: Mit Bildung kann der soziale Aufstieg gelingen. Es war dieser Geist, der die Bildungsexpansion der sechziger und dann der siebziger Jahre beflügelte.

Und es ist toll, natürlich, wenn Menschen ihren individuellen Aufstieg machen: Aber wir wissen heute natürlich auch, dass Aufstieg durch Bildung immer auch andere zurück gelassen hat. Dieser Begriff von Bildung ist zweischneidig, das sollten wir auch nicht vergessen. Wir neigen ja so salopp über die sozial Schwachen zu reden, über die „einfachen Leute“. Aber das sind ja zu einfache Kategorien. Es gibt auch unter den Schwachen die Starken und unter den Schwachen die Schwachen. Und von der Bildungsexpansion haben die Starken der Schwachen bzw. deren Kinder profitiert und die anderen sind zurückgeblieben, aber damit waren sie womöglich noch abgehängter.

Und wenn man so über Bildung nachdenkt und über die Wandlungen des Bildungsbegriffes, dann ist natürlich auch klar, dass schon mit dem Konzept „Aufstieg durch Bildung“ ein instrumenteller Ton einzog: Bildung, die nützlich ist, beim wirtschaftlichen Aufstieg, Bildung, die nützlich ist bei der Karriere. Zur Ökonomisierung der Bildung, die kritische Geister heute beklagen, ist es aber von da nur mehr ein kleiner Schritt.

Übrigens hat das Konzept von Aufstieg durch Bildung auch seine hässliche Seite: Wer es nicht schafft, wer zurückbleibt in Bildungsarmut, wer hängenbleibt in seiner Welt der, wie man das heute nennt, „bildungsfernen Schichten“, der ist dann plötzlich selbst schuld, in den Augen dessen, der Aufstieg durch Bildung geschafft hat, ist der dann selber schuld. Es zieht da bisweilen ein Bildungsrassismus ein, der sich vom Bildungsrassismus des einstigen Bildungsbürgertums nicht sehr unterscheidet: Dieser Bildungsrassismus, der annimmt, wer unten ist, hat sich halt nicht genug angestrengt, der so weit gehen kann, dass man sagt: Die Unterschichtler sind halt dumm. Oder, besonders perfid, wenn sich der Status als ethnische Minderheit und materielle Unterlegenheit kombiniert, dass man sagt: Ah, die Türken, die haben es halt nicht so mit Bildung.

Gibt es, so Leute, in Deutschland gibt es sogar einen, der das ganz laut sagt und der trotzdem glaubt, er sei ein Sozialdemokrat.

Ich spreche deshalb so ausführlich über die Ambivalenzen von Bildung, nicht, weil ich die Bildung schlechtreden will, bildungsbürgerliche Arroganzen ideologisch entlarven will. Das interessiert mich alles nicht. Sondern, weil wir natürlich darüber nachdenken müssen, was Bildung kann und können soll und was es unter Umständen vielleicht nicht kann. Wenn alle Gebildeter sind und es aber weniger gute Jobs gibt, dann führt das vielleicht dazu, dass sich jungen Frauen mit zwei Doktoraten um schlecht bezahlte Sekretärinnenposten raufen. Und dann ist mit Bildung wieder auch nicht viel gewonnen.

Die Frage ist, kurzum: Kann man durch Bildungexpansion Gesellschaften verbessern? Das, was in ihnen schlecht funktioniert, funktionstüchtiger machen?

Und das ist ja eine wichtige Frage, nicht zuletzt weil, und deshalb rede ich ja heute auch soviel über Bildung: Weil ja gestern die Eintragungswoche für dieses Bildungsvolksbegehren begonnen hat.

Und man kann ja sagen: Bildung ist ein Versprechen, das nicht hält. Ich kann das Bildungsniveau einer ganzen Gesellschaft heben, ohne das ich die Ungleichheiten damit nivelliere, ja möglicherweise ziehe ich nur neue Ungleichheiten ein, und dann kann man diese Ungleichheiten auch noch legitimieren: Die, die unten sind, haben halt nichts gelernt.

Aber ich teile das nicht. Das muss so nicht sein, aber dann muss man Fehler vermeiden. Das erste, was man ins Bewusstsein rücken muss ist: Progressive Bildungspolitik muss die Schwächsten ins Zentrum rücken.

Wer heute mit fünf Jahren kognitive Nachteile hat, der startet in sehr sehr vielen Fällen als geborener Verlierer ins Leben. Soziale und materielle Unterprivilegiertheit übersetzt sich brutal in geringere Lebenschancen. Kinder, die heute mit kognitiven Nachteilen ins Leben starten, die schlecht deutsch können, denen niemand vorgelesen hat, und deren Nachteile niemand ausgeglichen hat, die sind schon mit sieben die Kinder, von denen man sagt, die sind schwierig, die stören. Seien wir uns ehrlich: Die sind dann vielleicht sieben Jahre alt, in der Klasse die Unruhigen, und sie werden als Delinquenten behandelt. Als Delinquenten, das ist das richtige Wort. Und ich kann ihnen sagen, wo die dann mit 15 sind. Im Park. Bei den anderen Schulabbrechern.

Also: Es geht um die Schwächsten. Ja, reden wir Klartext: Es geht nicht um unsere Kinder, um meine Kinder. Meine Kinder haben alle Chancen. Papa liest vor. Mama legt ein Puzzle. Wir spielen Gesellschaftsspiele, die ihre kognitiven Fähigkeiten schulen. Wir animieren sie zum Lesen. Bildungsgerechtigkeit fängt bei jenen an, die mit den größten Nachteilen ins Leben starten.

Zweitens: Viele hier würden wahrscheinlich instinktiv der Auffassung zuneigen: Der Kapitalismus ist immer ungerecht. Er schafft immer Oben und Unten. Und es wird immer eine Unterschicht geben. Oder andere würden, weniger Kapitalismuskritisch sagen, die sind jetzt wahrscheinlich nicht unter uns: In menschlichen Gesellschaften ist das immer so: Es gibt Winner und Loser. Da kann man halt nichts ändern.

Aber das ist nicht wahr. Weil dynamische Gesellschaften kein Nullsummenspiel sind. Bildungsgerechtigkeit, die alle nach oben hebt, hebt eine Gesellschaft als ganzes nach Oben. Ja, vielleicht kann man nicht dafür sorgen, dass wirklich alle eine gute Ausbildung und alle einen guten Job haben und alle eine Tätigkeit, die sie als sinnvoll erleben. Kann sein, dass das nicht geht. Ich weiß es nicht, es ist mir zunächst aber auch egal. Weil eines weiß ich: Es ist möglich, Gesellschaften so zu organisieren, dass sich bei 20 Prozent eklatanter materieller Mangel und geringe Lebenschancen konzentrieren, und dass es möglich ist, sie so zu organisieren, dass das nur bei drei, vier Prozent der Fall ist. Da brauch ich nicht viel theoretisieren, da muss ich nur die real existierenden kapitalistischen Marktwirtschaften vergleichen. Großbritannien und Schweden. Die USA und Norwegen. Um Extrembeispiele zu nennen.

Gesellschaften, die dafür sorgen, dass die Schwächsten nicht zurückbleiben, die werden später weniger soziale Probleme haben. Mehr Menschen werden das Gefühl haben, dass sie ein gutes Leben führen und aus ihren Talenten etwas machen und ihre Träume verwirklichen können. Mehr Menschen werden gute Jobs haben, und mehr Menschen werden gut verdienen und mehr Menschen werden dann auch in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen. Das heißt, gute Sozialpolitik fängt mit Bildungspolitik an. Gute Rentenpolitik fängt mit Bildungspolitik an. Wir wissen übrigens auch, dass, wer in besseren materiellen Verhältnissen lebt und etwas gelernt hat, gesünder lebt und länger lebt. Also, auch gute Gesundheitspolitik fängt mit Bildungspolitik an. Und gute Bildungspolitik braucht gute Schulen, gemeinsame Schulen und gute Kindergärten. Weil, wenn die Kinder in die Schule kommen, sind die Weichen oft schon gestellt. Gute Bildungspolitik fängt bei Babys an. Aber wenn gute Bildungspolitik bei Babys anfängt, gute Rentenpolitik aber bei der Bildungspolitik anfängt, was heißt das denn dann für viele gesellschaftliche Herausforderungen?

Das heißt dann ja ganz einfach: Gute Rentenpolitik fängt mit Babys an, gute Gesundheitspolitik fängt bei Babys an, gute Sozialpolitik fängt bei Babys an.

Jetzt können Sie natürlich sagen: Jetzt argumentiert der auch schon instrumentell: Bildung, damit mal jemand meine Rente bezahlen kann. Aber das Geheimnis mit der Bildung ist, sie entzieht sich ohnehin dem Instrumentellen. Kein Mensch verschlingt ein Buch, kein Mensch erliegt dem Zauber der Literatur, um später mal in einer höheren Gehaltsklasse zu sein. Wenn ich Bildung will, auch wenn ich sie aus instrumentellen Gründen will, kann ich sie nur mit nicht-instrumentellen Mitteln anstacheln. Indem ich junge Menschen begeistere, für das Buch, für das Wissen, für das Denken und für Geschichten.

In diesem Sinne: Viel Spaß mit den Büchern hier, und vergessen Sie nicht, kommende Woche noch dieses Volksbegehren zu unterschreiben.

Und wenn Sie den Androsch nicht ausstehen können: Nase zuhalten, und trotzdem unterschreiben.

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